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Hand aufs Herz

Hand aufs Herz:
Können wir wirklich nachfühlen, was es heißt, blind zu sein?
Es bleibt uns Sehenden nur eine Ahnung, was es bedeutet,
immer und immer wieder vertraute Räume zu verlassen und Schritte ins
Unbekannte zu tun, auch ins Unwirtliche, Fremde.

Es beginnt doch schon im ganz Alltäglichen: Wie fühlt sich Rot an und Blau und
Gelb? Wie beschreibe ich Formen? Wie muss es sein, sich selbst nie im Spiegel zu
sehen, nie das Gegenüber betrachten zu dürfen? Und dann zu vertrauen, dass mir
die Haare so geschnitten werden, dass sie mir stehen, dass ich ein Hemd anziehe,
das zu mir passt. Vielleicht banal und doch wichtig.

Wie sehr muss ich als Blinde, als Blinder vertrauen können,
Menschen, die mit mir unterwegs sind, die mir Dinge so konkret beschreiben, dass
ich mir ein Bild machen kann.

Hand aufs Herz:
Können wir nachfühlen, was es heißt, Tag für Tag an einem Ort zu sitzen
und eine Tagesration an Essen zusammenzubetteln?
Irgendwo in einer Stadt am Straßenrand zu sitzen und angewiesen zu sein
auf die Güte und Zuwendung anderer Menschen?

Was das heißt, wenn Unzählige an mir vorbeihuschen, mir keinen Blick schenken.
Auf Augenhöhe mit einem Hund vielleicht, der vorbeistreunt.
Kinder bleiben manchmal stehen, wenn sie noch nicht verlernt haben,
Beachtung zu schenken.

Was das heißt, kein Ansehen zu bekommen, oder wie wir es eben im Evangelium
hörten, namenlos zu bleiben. Bartimäus wird nach seinem Vater „Timäus“ gerufen:
„Bar-Timäus“ – „Sohn des Timäus“. Wie ginge es mir, keinen eigenen Namen zu
haben, nicht ansprechbar zu sein?

Mit Bartimäus nehmen wir heute, am Weltmissionssonntag, die unzähligen
Namenlosen, die Gequälten, Unterdrückten, Vernachlässigten, die Diskriminierten,
Misshandelten und Missbrauchten, vor allem auch Frauen und Mädchen in unsere
Mitte. Und die Hungernden: Nach Angaben der Welthungerhilfe leiden aufgrund
von Gewalt, Konflikten, Klimaveränderung und der Corona-Pandemie
811 Millionen Menschen an Hunger. Eine unvorstellbare Zahl.

Aber arm sind manchmal auch die Gesättigten, die Selbstgenügsamen und
Selbstzufriedenen, die sich auch in der Menschenmenge, die mit Jesus unterwegs
sind, noch verschlossen, blind für die größeren Möglichkeiten, die GOTT ihnen
zeigen will.

Letztlich ist nicht Bartimäus, den wir hier kennenlernen, der Blinde,
er sieht mit seinem Herzen tiefer:
Er gehört nicht zum Jüngerkreis Jesu, aber er ist es, der ruft, der schreit,
der dem mit voller Stimme Ausdruck gibt, was ihn am Leben hindert.

Jesus, Sohn Davids, erbarme Dich meiner.

Da ist dieses ungeheure, unverschämte Vertrauen, dass hier endlich Einer ist, von
dem er längst gehört hat: der Messias, der Verheißene, der Heiland, der, der
Befreiung schenkt. Wir hörten von ihm bereits in der Lesung:

„Siehe, ich, Dein GOTT
bringe sie heim und sammle sie von den Enden der Erde,
unter ihnen Blinde und Lahme, Schwangere und Wöchnerinnen …
Ich führe sie an Wasserbäche,
auf ebenem Weg, wo sie nicht straucheln.
Denn ich bin Vater für Israel.“

Ich bin Vater für Dich.

Bartimäus ruft nach seinem Retter, nach dem, der alles vermag.
Das macht unser Glaube aus: in lebendiger Beziehung zu sein mit unserem
GOTT. Die germanische Wurzel von GOTT weist uns auf diese Wirklichkeit hin:
GOTT ist einer, der angerufen werden kann, zu dem wir schreien können.

GOTT hört, GOTT schaut auf den Einzelnen, auf Dich, auf mich.
Ich darf, manchmal auch blind, hoffen auf ein Gegenüber, bei dem ich meine
tiefsten Sehnsüchte ins Wort bringen darf.
Denn Jesus fragt: Was willst Du, dass ich Dir tue?
Es ist für uns heilsam, dem ein Wort zu geben, was uns bewegt, belastet und uns
das Leben raubt. Wenn uns das gelingt, beginnt der Weg der Befreiung.

Es ist Nacht in den blinden Augen des Bartimäus. Und doch springt Bartimäus auf,
lässt den Mantel zurück und läuft auf Jesus zu. Welche Kraft, welche Dynamik ist
in diesen wenigen Worten spürbar. Vom Hörensagen ist er bereits wach für diesen
Funken, für dieses Licht der Begegnung: Die Hoffnung auf Rettung ist geweckt.

Dann geschieht dieser Sprung:
Keine Gegenstimmen können ihn aufhalten,
diese Stimmen, wir kennen sie, sie lauern auch in unseren Herzen und versuchen
uns still zu halten, wollen nicht, dass an Licht kommt, was uns wirklich bewegt,
weil das ganze Leben umgekrempelt werden könnte.

Es kann Angst machen, wenn ein Mensch seine eigene Würde entdeckt und
aufsteht, weil er gewohnte Lebensmuster in Frage stellt.
Die jungen Menschen am letzten Freitag in Berlin machen Mächtigen Angst,
wenn sie sich erheben und ihre Not um die Erde herausschreien und den
ausbeuterischen Umgang mit unserem Planeten anklagen.

Die Gegenstimmen lassen Bartimäus noch lauter werden. Sein Schrei rüttelt auf,
stört und holt aus unserem gesicherten Leben.

Jesus holt die Menge wieder zu sich und nimmt sie in seinen Auftrag, zu heilen
und zu befreien. „Ruft ihn her!“ Jesus baut auf die Unterstützung von uns
Menschen. Sie kennen das Gebet aus dem 14. Jahrhundert:

Christus hat keine Hände, nur unsere Hände,
um seine Arbeit heute zu tun.
Er hat keine Füße, nur unsere Füße,
um Menschen auf seinen Weg zu führen.

Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen,
um Menschen von ihm zu erzählen.
Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe,
um Menschen an seine Seite zu bringen.

Eine Stimme, die berührt, lässt ihn Antwort geben:
Bartimäus kann seinen Mantel wegwerfen, kann hinter sich lassen, was ihm Schutz
gab, Wärme in der Nacht – der Mantel war ihm bergender Ort in der Einsamkeit.

Wie stark muss sein Vertrauen gewesen sein, sein altes Leben zurückzulassen auf
Jesus zu. Einzig auf das hin, was er gehört hat, kann er, muss er aufspringen. Es ist
der Sprung des Glaubens, wenn auch ein Sprung ins Dunkle, ins Ungesicherte. Es
ist dieser Sprung, der ihm sein Augenlicht wiederschenkt.

Das gilt auch uns als Kirche:
Was haben wir zurückzulassen?
Was schleppen wir mit?
Was beschwert uns, uns wirklich auf das Evangelium einzulassen, und den Sprung
zu wagen, wie Bartimäus, ins Ungesicherte, ins Unbekannte?

Auch für uns ist es der Sprung, der uns das Augenlicht schenkt, um tiefer zu sehen
und Neues zu wagen: zum Heil für die Menschen mit ihren Sehnsüchten und den
Nöten unserer Zeit.

Das ist unsere Aufgabe für jede und jeden von uns, in aller Einfachheit,
einander aufzurichten, einander auf die Beine helfen, beistehen, gerade auch
denen, die an den Rändern unserer Straßen sitzen. Das ist Ostern. Das ist
buchstäblich Auferstehung:

Getauft sein heißt, aus der Begegnung mit Jesus leben, wir sind Männer und
Frauen, Kinder mit geöffneten Augen.

Wir wissen, die Geschichte von Bartimäus ist ein Scharnier im Markusevangelium:
Nachfolge hat immer auch, Gott sei Dank, eine Leichtigkeit, sie ist immer auch
Glück und Freude, weil wir um Ostern wissen, weil wir vom Urgrund unseres
Glaubens her Erlöste sind, befreit ins Leben.

Aber es gibt auch diese Schwelle:
Bartimäus kehrt nicht in ein pralles Leben zurück. Jesus ist auf dem Weg nach
Jerusalem, da erwartet ihn Furchtbares.
Diesen Weg mitgehen kann er nur, kann ich nur in der österlichen Gewissheit:
„GOTT will, dass sie das Leben haben und in Fülle haben“ (Joh 10,10).

In Jesus Christus gewinnen wir einen weiten Blick über alle Horizonte hinaus,
seine Liebe entgrenzt und lehrt uns, wie er für die Menschen zu leben.

Das Päpstliche Missionswerk der Frauen, die heute unseren Gottesdienst
vorbereitet haben, sehen ihren Auftrag, Frauen zu stärken, ihnen auf die Beine zu
helfen, um des Lebens willen. Das ist ihre Aufgabe, die wir unterstützen können.
Ich durfte sie gestern kennenlernen und bin tief beeindruckt.
Und uns ist unser Auftrag, unsere Aufgabe gegeben in dieser Welt und Zeit.

Hand aufs Herz:
Ist uns nicht eine wunderbare Berufung geschenkt?
Wir sind beauftragt, wie Jesus Menschen aufzurichten und eine gute
Lebensperspektive zu geben. Menschen auf die Beine zu helfen:
Geh, geh ins Leben, GOTT öffnet Dir die Augen
und wir, wir bleiben an Deiner Seite.

Amen.

Schwester M. Scholastika Jurt, Generalpriorin der Arenberger Dominikanerinnen und Geistliche Beirätin des Frauenmissionswerks auf Bundesebene
Predigt in St. Peter und Paul, Koblenz-Pfaffendorf, am 24. Oktober 2021