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Herr erbarme dich

Über kleine “Inseln” in Pandemie-Zeiten / Ulrike Schwerdtfeger

Gleichmäßig versuche ich einen Schritt vor den anderen zu setzen, nicht auszurutschen auf dem unebenen Waldboden, meine Atmung normalisiert sich ein wenig, der Blick beginnt sich zu klären, auszuruhen auf dem einheitlichen Weiß, mit dem der Wald heute früh ganz leicht bedeckt ist. Die Welt schläft noch, so scheint es; niemand da außer dem Hund und mir. Der zarte Schnee schluckt den Klang meiner Laufschuhe, es ist gespenstisch still um mich herum. Ideal, um runter zu kommen, doch: Die Gedanken – sie sind ruhelos und alles andere als klar und fokussiert. Sie sind rastlos und überall, oben und unten, vor mir und hinter mir, lassen sich nicht einfangen, beruhigen, in den Griff kriegen. Ich versuche, noch mehr Tempo raus zu nehmen, Körper und Geist in Einklang miteinander zu bringen, bewusster zu atmen. Heute will es einfach nicht gelingen. Da ist so vieles, was raus will, das überlegt und gesagt, vielleicht heraus geschrien werden will oder muss.

Gut ein Jahr begleitet uns nun das Gespenst, das unser Leben mehr denn je einschränkt und begrenzt, das uns verbietet, uns zu treffen, uns nahe und gegenseitig Stütze zu sein. Das uns anfangs unverhofft große Zeitfenster verschafft hat, auch als Familie(n). Das Termine gestrichen und Veranstaltungen über Bord geworfen hat. Das für Ruhe gesorgt und der Rastlosigkeit des Alltags entgegen gewirkt hat, das mitunter auch heilsam war. Und jetzt? Kaum jemand kennt nicht mindestens ein Schicksal, bei dem das Gespenst zugeschlagen hat, wo Kinder sich nicht von Eltern(teilen) verabschieden konnten, wo einsam gelitten und gestorben wurde, wo eine todbringende und zum Teil so verharmloste Krankheit Menschen von heute auf morgen vor Existenzsorgen gestellt hat. Angst vor dem Unbekannten und Unsicherheit – sie sind allgegenwärtig. Nun, da Mutationen aus ihren diversen Verstecken krabbeln, immer schwerer zu ertragen. Wo bleibt die Perspektive, die Hoffnung, der Trost? Auch von ihrer Kirche erwarten sich viele Menschen mehr, doch es ist ruhig geworden, noch ruhiger, so scheint es. Verspielt sie nun auch noch den Rest ihrer gesellschaftlichen Relevanz?

Der Schnee schluckt jedes Geräusch, die Atmung hat sich beruhigt, angepasst an den Rhythmus meiner Bewegung. Nun ist sie endlich eher wohltuend als anstrengend, diese kleine Auszeit vom Alltag, der sich als schlechter Traum entpuppt hat. Aus dem jede(r) nur noch aufwachen will. Auch die Kinder am Esszimmertisch, die – wie die Großen – zwischen Laptops und Video-Konferenzen hin und her springen, versuchen, den Ansprüchen einer teils absurden Online-Schule gerecht zu werden, viele Aufgaben parallel erledigen und doch nur einen Bruchteil von dem schaffen, der ihnen als so wichtig vorgegaukelt wird.

„Der Lunge der Welt geht der Sauerstoff aus“, spukt es in meinem Kopf. Kurz zuvor noch besorgt im Netz gelesen. In Amazonien kämpft man mit Handpumpen um das Überleben unzähliger Patienten, die in der Zweimillionen-Metropole Manaus tagtäglich mit schweren Symptomen eingeliefert werden. Es fehlt an Sauerstoff, um die vielen Covid-19-Patienten zu beatmen. Schon während der ersten Welle waren die Krankenhäuser im brasilianischen Bundesstaat Amazonas mit der Situation überfordert. Wo ist die in den ersten Monaten der Pandemie so viel gepriesene weltweite Solidarität? Menschen schaffen es schon nicht, zu Hause zu bleiben, auf Treffen zu verzichten, sich selbst genug zu sein.

„Herr, erbarme dich unser.“ Selten bin ich über diesen Satz so gestolpert wie jetzt. Daran hängen geblieben wie an einer Wurzel auf meiner Laufstrecke. Was für eine Aussage: so stark, so hoffnungsvoll – trotz allem. Da ist einer, der es gut mit uns meint, nicht von unserer Seite weicht, nicht weg schaut. Auch nicht in dieser schwierigen Zeit. Meine Schritte werden langsamer, das Ziel ist nah. Ebenso wie das Gefühl, es für heute geschafft zu haben. Morgen wieder ein Tag, den es zu stemmen gilt mit all seinen Herausforderungen, an dem die Stimmungslage gemischt sein dürfte, an dem es darum geht, Ängste zu vertreiben, das Positive zu suchen, alles zu geben. Herr, erbarme dich.