Impuls zu den Geschehnissen im Buch Ruth (AT) von Profin Dr. Eleonore Reuter

2.8.2025, Osnabrück

Solidarität von Frauen

Heute ist ein besonderer Tag: Wir haben Besuch aus Rwanda. Herzlich willkommen Noella Marie Usabase aus Kigali/Rwanda!

Anlässlich dieses Besuches habe ich einen Impuls über Solidarität von Frauen in einem Bibeltext vorbereitet.

Der Bibeltext ist in den letzten Jahrzehnten vor allem von Frauen von einem Nischendasein zu einem fast schon allzu vertrauten Text geworden. Es geht um die Ruterzählung.

Der Plot, die Handlung ist ziemlich simpel: Eine Frau – Noomi – zieht nach dem Tod ihres Mannes und ihrer Söhne zurück in ihre Heimat. Ihre Schwiegertochter Rut begleitet sie und durch das geschickte Handeln der beiden Frauen gelingt es, dass Ruth heiratet, einen Sohn bekommt und so zuletzt die beiden Witwen überleben.

Aber auf den zweiten Blick entpuppt sich die simple Erzählung als eine kunstvolle Komposition, die in ihrer Entstehungszeit patriarchale, rassistisch-nationalistische Positionen in Frage stellte. Die Details dieses zweiten Blicks kann und will ich heute gar nicht behandeln. Vieles ist vielleicht auch in diesem Kreis längst bekannt.

Als Einstiegsimpuls für unser Gespräch mit Noella Usabase möchte ich gerne drei Verbindungen zwischen der Ruterzählung und dem Engagement des PMF in Rwanda herausstellen:

1. Solidarität von Frauen

Das Motto des Frauenmissionswerkes (PMF) ist „Frauen für Frauen weltweit“ Das Rutbuch handelt von einer solidarischen Beziehung zweier Frauen mit ganz besonderer Nähe.

Die erste Rede Ruts, mit der sie ihrer Schwiegermutter Treue verspricht, lautet so:

„Überrede mich nicht, dich zu verlassen. Ich will mit dir gehen. Wo du hingehst, will ich auch hingehen, und wo du lebst, will ich auch leben. Dein Volk wird mein Volk sein und dein Gott wird mein Gott sein. Wo du stirbst, will ich auch sterben, und dort will ich begraben werden. Gott tue mir dies und das, nur der Tod wird mich von dir scheiden.“ (Rut 1,16)

Heute wählen viele Brautpaare diesen Text als Trauspruch, oft ohne zu wissen, dass hier eine Frau einer anderen Frau Loyalität und Liebe verspricht. Der Satz „Ich will mit dir gehen.“ kommt ganz selbstverständlich daher. Seine volle Bedeutung wird erst klar, wenn man realisiert, dass im hebräischen Urtext das gleiche Verb benutzt wird, das in der Schöpfungserzählung von den Menschen im Garten für die Beziehung zwischen dem Mann und der Frau gebraucht wird: „Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und hängt seiner Frau an.“

Rut verlässt wie Abraham ihre Herkunftsfamilie und ihr Vaterland, um in das Land der Noomi zu gehen. Diese Frauensolidarität überschreitet Grenzen: zum einen die Generationengrenze. Die junge Frau lässt die ältere nicht allein; im Gegenzug hilft das Erfahrungswissen der älteren bei der kreativen Interpretation bestehender Traditionen. Sie weiß, „wie der Hase läuft“ und wie sie das nutzen kann.

2. Patriarchale Gewalt

Wie läuft denn der Hase? Er läuft so, dass nur Männer erben und Frauen ohne männlichen Schutz Willkür, Gewalt und absoluter Armut ausgesetzt sind. Er läuft so, dass junge Frauen der Zudringlichkeit von Männern ausgesetzt sind. Bei Ruth ist es so, dass Boas seine Erntearbeiter auffordert, Rut in Ruhe zu lassen. Was wäre gewesen, wenn er das nicht getan hätte?

Die Umdeutung der Traditionen durch Noomi ist nötig, weil die Erzählung in einer zutiefst patriarchal geprägten Gesellschaft spielt. So kann sie darauf spekulieren, dass der reiche Boas mit Rut die Leviratsehe schließt und sie damit vor dem Verhungern rettet. Sicher war die Situation in der Antike anders als heute.

Dennoch ist das Patriarchat nicht Vergangenheit – in Deutschland nicht und in Rwanda auch nicht. Opfer sexualisierter Gewalt sind – nicht nur! – aber vor allem Frauen. Die Teenagermütter, an die sich das Projekt des PMF richtet, wären in einer völlig anderen Situation, wenn sie nicht Teenagermütter, sondern Teenagerväter wären. Und auch in Deutschland sind Frauen wirtschaftlich immer noch schlechter gestellt als Männer.

3. Migrantinnen

Zuletzt möchte ich darauf eingehen, dass die beiden Frauen Migrantinnen sind. Noomi war als Wirtschaftsflüchtling nach Moab gegangen. Ihre Hoffnung auf eine bessere Lage hat sich durch den Tod ihres Mannes und ihrer Söhne nicht erfüllt. Bei ihrer Rückkehr ist sie selbst in ihrer alten Heimat nicht besser dran als eine Geflohene. Rut überschreitet mit ihrer Beziehung zu Noomi die Grenze zwischen zwei Nationen, die zwischen Moab und Israel, die im Deuteronomium als eine ganz besonders strikt einzuhaltende Grenze dargestellt wird. Sie zieht gewissermaßen in Feindesland. Durch ihre Entscheidung mit Noomi zu gehen, wird Rut ebenfalls zur Migrantin – mittellos und nahezu rechtlos.

Weltweit ist die Situation von Migranten katastrophal. Die aktuelle US-amerikanische Politik führt z.B. dazu, dass allein dem Jesuitenflüchtlingsdienst jährlich 18 Millionen Dollar für laufende Projekte mit Flüchtlingen gestrichen wurden.

Eine Politik, die nicht mehr wertebasiert entscheidet, verändert die Weltordnung. Wer wie Geflohene nichts hat, um am Verhandlungstisch einen Deal auszuhandeln, zählt nichts und hat keinen Platz am Tisch.

Und wir sind von der neuen Weltordnung betroffen und müssen uns zu ihr verhalten. Wir in Deutschland und die Menschen in Rwanda.

In Rwanda leben mehr als 100000 Flüchtlinge vor allem aus dem Kongo und aus Burundi, aber auch zahlreiche Binnenflüchtlinge.

In Deutschland hat das Berliner Verwaltungsgericht festgestellt, dass die Zurückweisungen von drei Somaliern rechtswidrig waren. Den Kurs der Regierung ändert dieses Urteil nicht. Was sehen wir in den AsylbewerberInnen? Sehen wir vor allem die Bedrohung unseres Wohlstands oder sehen wir in ihnen Menschen, deren Würde nicht mehr und nicht weniger zählt als unsere eigene?

Wenn wir als Christinnen heute mit Hochachtung an die Urgroßmutter von König David denken, müssen wir auch daran denken, dass Rut eine Fremde, eine Migrantin war. Wir dürfen den Spruch der Frauen von Betlehem nicht vergessen, dass Rut für Noomi „mehr wert ist als sieben Söhne.“

Die Erinnerung an Rut und Noomi ist eine Erinnerung an ungerechte Verhältnisse, die durch Frauen für Frauen unterlaufen werden.

Sie kann uns motivieren zu solidarischem Handeln vor Ort und weltweit.

Zur Erklärung:

Noella Usabase ist Psychologin und Kooperationspartnerin des PMF In Kigali/Rwanda für das Projekt der Singlemütter