Griechisches Gebet
Gib mir eine Grenze, damit ich gehen kann.
gib mir einen Namen, damit ich mich nicht verliere.
Gib mir einen Traum, an dem ich mich festhalten kann.
Gib mir eine Vision, damit ich widerstehen kann.
Gib mir ein Kind, damit ich wieder Kind werde.
Gib mir einen Kuss, damit ich vom Bösen loskomme.
Wecke mich am Morgen mit einer Melodie,
die mir hilft zu sagen,
es lohnt sich, dass ich dieses Leben lebe.
Musik:
CD: Odos Nefelis ‘88
Haris Alexiou (Künstlerin)
Prosefchi
Mon cher fils
bevor du geboren wurdest, glaubte ich, die Welt ließe sich mit Argumenten retten. Ich war
überzeugt, dass man Macht mit Wahrheit brechen kann – mit Analysen, Büchern,
Demonstrationen, Wut und Klarheit. Ich habe gegen Ungerechtigkeit gearbeitet, auf Demos
Mottos skandiert, auf Podien gestritten. Ich habe Organisationen gegründet,
Kampagnen mitgetragen, Texte geschrieben. Und dabei dachte ich: Wenn ich nur laut genug,
präzise genug, radikal genug bin, wird sich das System verändern.
Aber irgendwann begann ich zu begreifen, dass das System nicht nur in Gesetzen,
Institutionen und Diskursen wohnt – sondern in Körpern, Beziehungen, Erinnerungen. In
Ängsten, Traumas und Sehnsüchten.
Ich merkte, dass Wandel nicht nur im Außen geschieht, sondern auch im Inneren. Und dass
politische Kämpfe ohne Herz, ohne Heilung, ohne Fürsorge oft nur neue Gräben ziehen. Als
du geboren wurdest, hat sich nicht sofort alles verändert. Es war nicht deine Ankunft, sondern
dein Wachsen, das mich verändert hat – langsam, widerständig, manchmal schmerzhaft,
immer ehrlich.
Ich habe dir beim Atmen zugesehen. Beim Stolpern. Beim Staunen. Und irgendwann habe ich
verstanden: Die Rettung beginnt in der Art, wie wir leben. Wie wir zuhören. Wie wir uns
kümmern. Wie wir lieben.
Du wächst in einer Welt auf, die im Umbruch ist.
Die Erde brennt, aber auch unsere Seelen tun es. Weil wir in einem System leben, das
Trennung zur Norm gemacht hat: Trennung zwischen Mensch und Natur.
Zwischen Arbeit und Leben. Zwischen Herz und Verstand.
Zwischen den »Starken« und den »Schwachen«, Kapitalismus, Patriarchat, Kolonialismus – das
toxische Dreieck, das uns glauben lässt, dass Kontrolle wichtiger ist als Verbindung, Profit
wertvoller als Mitgefühl und Individualismus edler als Gemeinschaft.
Ich habe lange selbst in diesen Logiken funktioniert und dachte, ich müsste stark sein,
schneller, klüger, unangreifbar. Aber meine Kraft kam ins Wanken, als ich begann zu spüren,
wie müde mein Herz geworden war. Ich bin in dieser Zeit innerlich zerbrochen – mehr als
einmal.
Und ich habe neu angefangen. Mit Tränen, mit Stille, mit Wut. Ich habe gelernt, dass Heilung
nicht bedeutet, dass alles wieder »gut« wird. Sondern dass wir unsere Augen offen halten,
selbst wenn es weh tut.
Was, wenn es nie darum ging, die Welt zu retten – sondern ihre Lebendigkeit
wiederzuerkennen? Die Erde bräuchte keine Held*innen, sondern Menschen, die sich
erinnern, dass sie selbst Erde sind. Die Rückkehr des Lebendigen – des Animus – ist keine
intellektuelle Idee, sondern eine Praxis. Sie beginnt im Alltäglichen, in der Beziehung: wie wir
essen, zuhören, entscheiden. Wie wir lieben.
Die wahren Held*innen unserer Zeit bauen Brücken ー
zwischen einer entzauberten, funktionalisierten Welt und einer beseelten, lebendigen
Wirklichkeit. Sie schaffen Räume, in denen
(Dieser Brief) ist eine Spur aus Brotkrumen. Es ist ein Brief an dich – und zugleich ein
Gespräch mit mir selbst. Ich erzähle dir, was ich gelernt habe. Und was ich noch lerne. Denn
ich bin nicht am Ende dieses Weges, sondern mittendrin.
Offen, neugierig, und manchmal auch ratlos.
Aber ich gehe weiter.
Ich schreibe dir, weil ich glaube, dass du – dass wir alle – einen anderen Weg wählen können.
Einen, der nicht auf Beherrschung, sondern auf Beziehung beruht. Einen, auf dem wir die Welt
nicht retten wie ein passives Objekt, sondern wie ein Wesen, das lebt.
Mit dem wir in Verbindung stehen. Für das wir Verantwortung tragen. Weil wir selbst Teil
davon sind.
Vielleicht wird man dich eines Tages fragen, was du getan hast, als alles zu kippen drohte.
Und vielleicht wirst du antworten: Ich habe mich erinnert. Ich habe mich geöffnet. Ich habe
mich gekümmert. Und ich habe nie aufgehört, zu lieben.
Wenn das der Anfang ist – dann gibt es Hoffnung.
Aus: Roig, Emilia, Lieber Sohn oder So rettest Du die Welt. Briefe an die kommende
Generation, Band 6, München 2025

